kraftvolle Texte

2010/04/30

Ich schätze kluge und wahre Texte – aber kraftvolle Texte, die begeistern mich. Auch und besonders, wenn sie auf den zweiten Blick sinnfrei oder zweifelhaft sind. Ein kraftvoller Text regt an – ganz egal, was er vordergründig sagt. Denn er inspiriert über seinen Inhalt hinaus.

Form ever follows function, and this is the law. (Louis Sullivan)

Ist das nicht schön! Solche Sätze müsste man formulieren können. Form ever follows function, and this is the law. Ein kurzer, starker Satz. Dabei, wenn man es genau nimmt, ist er so trivial. Der Satz ist tausendfach zitiert. Er hat zu zig Büchern inspiriert und ist in Manifeste eingeflossen, die Generationen geprägt haben. Jahrzente dominierende Lehrmeinungen in verschiedensten Disziplinen haben ihn aufgegriffen.

Aber ich wiederhol es gern noch mal: Form ever follows function, and this is the law. Dieser wunderschöne Satz ist sowas von trivial! Eine Tautologie. Und wir wissen nicht erst seit Greg Hickok und den Spiegelneuronen [1], dass Theorien, die so flexibel sind, dass sie jedes Gegenargument aufschlabbern und ins Gegenteil verkehren, irgendwie lahm sind. Form follows funktion kann man durch einen Zirkelschluss nämlich immer belegen: Jeder vermeintlich funktionslose Schnörksel hat mindestens die Funktion, schick zu sein. Form follows funktion, q.e.d. – Form ever follows function, and this is the law. Kraftvoll, wunderschön und keine große Erkenntnis. Aber: Wieviele Sätze habt ihr schon getippt, die in 100 Jahren noch zu Gedanken anregen werden?

Wo wir gerade bei Manifesten waren: der Inbegriff von kraftvollen, aber meist zweifelhaften Texten. Das Internet-Manifest ist da ein gutes Beispiel. Will ich hier jetzt nicht diskutieren, aufgewühlte Kritik findet ihr dazu an allen Ecken. Ich fand es jedenfalls toll. Obwohl ich ganz viel Kritik daran mittragen kann. Und es auch – irgendwie, form follows funktion – nichts Neues ist. Egal. Viel spannender: Das futuristische Manifest. Uff. Was für eine Energie! Stellt euch doch mal in die Mitte des Zimmers und deklamiert diesen Text [2]. Ich könnte niederknien. Nur: definitiv nicht vor dem Inhalt als Ganzes. Denn der Futurismus ist mit dem Totalitarismus und dem Faschismus eng verwoben. Ich darf ein paar Beispiele aus dem Manifest zitieren:

1. Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit.

2. Mut, Kühnheit und Auflehnung werden die Wesenselemente unserer Dichtung sein.

3. Bis heute hat die Literatur die gedankenschwere Unbeweglichkeit, die Ekstase und den Schlaf gepriesen. Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag. (…)

9. Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.

Ich bin mir sicher, ich verärgere gerade die Hälfte meiner geschätzten Leserschaft (und das, obwohl ihr wisst, dass ich das Weib nicht verachte, den Krieg nicht verherrliche und Faustschläge eher selten verteile). Wieso nur? Ich will gern zugeben, dass man mich mit aggressiver, pathetischer, kraftvoller Rhetorik zu Klingen bringen kann.

Kraftvolle Texte mit zweifelhaftem Inhalt sind gefährlich und deswegen böse. Heißt es oft. Ach so? Wirklich böse ist, dass wir nicht in der Lage sein sollen, uns von kraftvollen Texten erheben zu lassen und sie trotzdem zu hinterfragen. – Ich will mich von kraftvollen Texten zu Gedanken provozieren lassen. – Deshalb: Für pure Vernunft UND kraftvolle Lügen! [3]

schein-schoen

Scheinschön, das sind Texte wie das futuristische Manifest also irgendwie, um es mit unserem WG-Kühlschrank zu sagen. Macht aber nichts. Mit der Schönheit ist das wie mit den Gefühlen. Es gibt keine falschen Gefühle und es gibt keine falsche Schönheit. Ein Gefühl wird existent, in dem Moment, in dem man es empfindet. Und Schönheit ist schön, in dem Moment, in dem sie schön scheint. [Ha! Der Satz war genauso sinnvoll, wie der mit der Form und der Funktion.]

Update: Zeit Online hat zum 100. Jahrestag des futuristischen Manifests einen schönen Artikel veröffentlicht: Lustvolle Zerstörung.

[1] Den muss ich hier erwähnen, da aus diesem Blogbeitrag auch ein zweifelhafter kraftvoller Satz stammt: “Because if you can’t falsify it, it’s no longer a scientific theory, it’s religion” – Schick, oder? Da kann man aber auch genauer hinsehen.
[2] Hat das wirklich jemand gemacht? Wenn du dich meldest, überleg ich mir eine Überraschung! ^^
[3] Manche der neueren Lieder von Tocotronic sind auch ein Beispiel für kraftvolle, inspirierende Texte!

CC: BY-SA – Unter dieser Lizenz steht die Kühlschrankpoesie des KommunenKühlschrankKreativKollektivs.

Kühlschrankpoesie

2010/04/23

poetischer Halt

Poetischer Halt – das stand die letzten zweieinhalb Jahre an der linken oberen Ecke unseres Kühlschranks. War auch, glaube ich, die einzige Konstante in der flüchtigen Welt der Kühlschrankpoesie. :)

Obst nicht vergessen sprach Salatscheiss kopf - bruell birne
Von praktischen Tipps für den WG-Alltag, über Feiernachbetrachtungen,

manch grosser bauch hat wuerde
bis hin zu großen kühlschrankpoetischen Würfen tiefgründiger Natur

Du bist apfelsuess...
und all den Dingen, die einfach mal gesagt werden mussten,

krochen und wucherten und tanzten und klebten und schwebten die Wörter über unseren Kühlschrank. Die Autoren kann ich nicht mehr auseinander halten – LeSpocky, An-Tet, Zozfried, das Mupf, ich selber, diverse Sonntagmorgenfrühstück-, Weinabend- und Partygäste – was für ein schönes Beispiel dafür, dass sich gemeinsame, wachsende, verwobene, sich entwickelnde Gedanken nicht zu geistigem Eigentum degradieren lassen. Ich ernenne uns daher zum KommunenKühlschrankKreativKollektiv und schenke uns sogar eine Creative Commons Lizenz: cc by-sa 3.0 DE. ;)  [1] [2]

vater, mutter, kindvater, mutter, vogelkindmuttermund, ich bin ein vogel
Kühlschrankgedanken entwickeln sich hin und wieder in sonderbare Richtungen…

mag nicht mehr lachen
und Mut macht gemeinsame KüPo auch manchmal – zum Beispiel durch ein kleines wegverstecktes “nicht”.

Die Tage ist uns der alte Kühlschrank kaputt gegangen und mit ihm sogar der “poetische Halt”. Stattdessen steht da jetzt “halt an für poetische Zeit” und wir können uns nach einem KüPoKahlschlag auf neue kreative Ergüsse freuen. Alte und neue Kühlschrankgedanken werden sicher immer wieder Aufhänger meiner Blogbeiträge sein – damit kann ich ja nach dieser kleinen KüPo-Bekanntmachung jetzt loslegen. :>

[1] Natürlich ohne behaupten zu wollen, dass die Creative Commons das geistige Eigentum abschaffen will…
[2] Bei der Gelegenheit: Das Public Domain Manifesto!

CC: BY-SA – Unter dieser Lizenz steht die KommunenKühlschrankKreativKollektiv-Kühlschrankpoesie.

vogelfederleicht!

2010/04/06

muss schreiben - will königskrone

Geschafft!

Leben! Ich bin wieder da! Ich darf wieder vor die Tür! Soziale Kontakte! Sogar im Real Life! Ich hab euch wieder!

Ich werde wieder Nächte durchphilosophieren und guten Wein trinken. Ich werde tanzen. Zu herzerreißenden Filmen heulen. Arbeit in Projekte stecken wie es mir beliebt. Schwimmen. Texte tippen, die keiner von mir verlangt. Ich werde all die “leider hab ich erst im April wieder dafür Zeit”-Verabredungen nachholen – und, Freizeitstress, du wirst ein gigantisches Monster sein, aber ich werde dich einfach umknuddeln und abknutschen und mit den Schneeglöckchen schmücken, die auf der Nordparkwiese wachsen, auf der ich in der Frühlingssonne liegen werde, wann immer ich will, und ich werde oft wollen! Und wenn das nicht hilft, dann macht dich meine Geheimwaffe kalt: Der erdferkelhohe Belohnungsbücherstapel, der sich über die Leseverbotsmonate angesammelt hat.

So. Und jetzt mach ich den Wein auf, den ich vom Regensburger Kobold bekommen habe, höre wunderschöne Musik, liebe das Leben, gucke in die Luft und warte darauf, dass eine ganze Hand voll meiner Lieblingsmenschen nach Hause kommt. :)

Ach ja… hiermit sei dieser Blog eröffnet. Der Beitrag dürfte nicht typisch sein, aber mir war grad danach ;)

Nachtrag: Als kleines Kind liebte ich das Armeschwebenlassenspiel. Ein großer Mensch und ich legen die Handflächen aufeinander, er oben, ich unten. Ich drücke so fest ich kann nach oben und er hält dagegen. Eine Minute. Oder sieben. Oder viele. Dann hören wir auf zu drücken, er nimmt die Hände weg und meine Arme schweben nach oben, als wären sie vogelfederleicht. :)

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