Projekte.

2010/08/18

Gedanken sortieren ist ja eher langweilig, deshalb lass ich das an dieser Stelle. Will aber doch ein paar davon notieren.

Ein Projekt ist ein einmaliger Prozess, der aus einem Satz von abgestimmten, gelenkten Tätigkeiten mit Anfangs- und Endtermin besteht und durchgeführt wird, um unter Berücksichtigung von Zwängen bezüglich Zeit, Kosten und Ressourcen ein Ziel zu erreichen. Sagt die ISO.

Projekt leitet sich von „lat. proiectum, Neutrum zu proiectus ‘nach vorn geworfen’ ab“. Sagt der Duden.

Aus aktuellen Anlässen meditiere ich gerade über diesem elenden Schlagwort, das ich selber fünfundvierzig mal am Tag verwende: Projekte. Die Anlässe:

  • Vor ein paar Tagen war ich grausamerweise der höflichen Konversation mit einem dieser möchtegernhippen Alternativyuppies ausgesetzt: Ich scheiß wertfrei auf das Establishment, denn ich bin ein Macher und gehöre der neuen Generation der Gewinner an; Ich kann nichts, außer eins: Ich kann Projekte. „Und was machst du so?“ – „Ich mach Projekte.“ Bezeichnend, dass diesem Satz in der Regel erst mal keine weitere Erklärung folgt – ist ja alles gesagt. Projekte. (Klar, auf Nachfrage kommt dann doch vage, um was es geht, und sehr konkret, wieviele Gelder von welchen großen Namen im Projekt stecken. Na gut.)
  • Am Tag darauf blitzte mir auf der Straße ein Aufkleber entgegen: „Lass mich doch in Ruhe mit deinen Projekten!“ – Ich dachte an die Unterhaltung mit dem Typen von gestern und grinste die Laterne in stillem Einvernehmen an. Dann aber der Gedanke, was ich in der Vergangenheit in der Regel auf die Frage geantwortet habe, wie ich meine Freizeit so gestalte. Wie oft kam da das Wort Projekte vor? Hm.
  • Und schließlich mein neuer Job – der besteht nur aus Projekten. Und das macht ihn aus. Wenn ich auf ein „Und was machst du so?“ antworte, komm ich ziemlich schnell zu dem Punkt, dass die Arbeit achsofacettenreich ist, weil ich auf achsovielen achsospannenden Projekten bin. Und dass genau dieser Job klasse, da vielfältig, temporeich, immerneu, ist – weil er aus Projekten besteht. Stimmt auch. Ich liebe das. Die Projekte. Projekte, das heißt wenig Routine, wenig Langeweile. Neue Menschen oder neue Aufgaben. Meist beides. Projekte fokussieren ein konkretes Ziel. Sie mögen sich manchmal kaugummizäh ziehen, aber sie finden ein Ende. Das treibt. Das ist gut.

Projekte adressieren die [1] Dauerbindungsunwilligkeit meiner Generation. Ja, bis dass der Projektplan uns scheidet. Und sie spiegeln im Guten und im Schlechten, was dieses Jahrzehnt von uns verlangt: Flexibilität, kontinuierliches Sichentwickeln, Sichnichtausruhendürfen (übrigens auch: Jungseinmüssen. Aber darauf komm ich noch.).

Ich denke also über Projekte nach – und darüber, dass ich das Projektleben nicht nur liebe. Dass Inprojektenleben auch unendlich anstrengend sein kann; natürlich; anstrengend, ruhelos.

Projekte bringen keine Kontinuität. Sie machen atemlos. Sie binden Gedanken und Konzentration. Um die Projekte herum wird alles fahrig.

Projekte. Ich bin der Meinung, „Projekte“ sind zum Paradigma geworden. Und wenn das so ist, müsste sich dann nicht das ParadigmaProjekte, auf alle unsere Lebensbereiche auswirken, über die ursprüngliche Projektwelt hinaus?

Die These in den Raum gestellt, dass die Kernidee des Projekts für unsere Gesellschaft immer [2] zentraler wird, und auf die Frage, was das aus uns Menschen macht, habe ich vor Kurzem die Antwort bekommen: Man verliere seine Identität. – Ist das so?

Ich habe das Gefühl, Projekte führen nicht zum Verlust der Identität, sie erzeugen vielmehr eine sonderbare Art der Identität. Eben eine [3] Projektidentität. Das habe ich nicht zu Ende gedacht. Wie ist das, wenn man am Ende eines Tages tausend Dinge zu Ende gebracht hat, sie sich aber nicht setzen können, weil man sich vor lauter Atemlosigkeit, und weil keine Notwenigkeit besteht, und weil der Projektplan es nicht vorsieht, und weil wir den Blick fürs [4] Ganze aus dem Blick verlieren, keine Zeitzumsackenlassen nimmt? Wir machen so viele Erfahrungen, wir erleben viel; Verarbeiten wir aber auch, resümieren wir? Fragmentieren wir unsere Welt? Setzen wir die Stücke auch mal zusammen? Haben wir noch einen Blick für die Welt, in die die Projekte eingebettet sind? Besteht die Welt aus mehr als Projektanspruchsgruppen? Ein Projekt ist klar umrissen – neigen wir dazu, uns durch das Projekt zu definieren, statt uns selber zu umreißen? Wenn uns das Projekt beim definieren hilft, oder wenn es uns zumindest sehr in Atem hält, solang es andauert – und dann plötzlich abgeschlossen ist, ist da vielleicht mehr als nur das Projekt fluffigflüchtig? Und was passiert mit unserer Grundhaltung, unseren Grundannahmen, wenn wir gewohnt sind, ständig den Blickwinkel zu wechseln? Was an und für uns ist Konstante über Projekte hinaus?

Die große Herausforderung des Projektlebens ist die KontinuitätTrotzdem. Eine Basis, die man um die Projekte herum bastelt, oder ein Fundament in sich selbst [5]. Das ist hohe Kunst. In dem Fundamentding bin ich, glaub ich, ganz gut. Und dennoch. Schwierig manchmal.

Luc Boltanski (Soziologeninstitution und Bourdieuschüler (Soziologenguru)) hat mit dem Leben als Projekt die „Prekarität in der schönen neuen Netzwerkwelt“ beschrieben (Ich hatte den Artikel mit „Projekt“ und „Netzwelt“ getagged. Jetzt beim Nachschlagen sehe ich, dass das gar nicht stimmt. Ein Freud’scher Vertagger. Passt aber.). Ohne den Kern des Artikels einfangen zu wollen (Aber lest ihn, er ist gut!), hier ein paar Ausschnitte:

„Das angestrebte Erfordernis, man selbst zu sein, wird einem heute als moralischer Imperativ von Kindheit an eingebläut – setzt die Individuen in der gegenwärtigen Situation aber starken Spannungen aus. Die Selbstverwirklichung erfordert das Engagement in Aktivitäten und Projekten, deren vorübergehender und uneinheitlicher Charakter das Selbst der Gefahr des Wesensverlustes aussetzt. Zugleich findet das Individuum gerade in seinen Projekten ein Minimum an Identität, das es stets von neuem gegen die Gefahr der Fragmentierung in Stellung bringen kann.“

Boltanski bezieht sich dann auf die Metapher des Netzes, geht dabei von der Ökonomie aus, landet aber bei der Gesellschaft im Allgemeinen:

„An die Stelle eines homogenen und klar abgegrenzten Raums tritt ein offenes Netz, in dem die einzelnen Punkte mannigfaltige Verbindungen eingehen können.“

Diese Metapher finde ich nicht nur so sehr sexy (was für mich kein Wunder ist, immerhin trage ich seit über zehn Jahren die Netzmetapher für mein Gesellschafts- und Beziehungsutopia mit mir herum.), ich denke, sie trifft den Zeitgeist, inklusive Ideal und Angst. Boltanski nennt diese Gesellschaftsordnung „projektbasiert“.

Er beschreibt, dass sich der ProjektweltStatus nicht mehr aus Arbeit oder Wohlstand ableiten lässt, sondern aus der Aktivität der Personen. Projekte bilden sich aus dem Willen, „etwas unternehmen“ zu wollen. Aktiv sein, unternehmerisch sein, Knoten im Netzwerk knüpfen und pflegen, am Netz, an der Projektwelt weben – das gehört zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren in der Projektwelt.

In der Geschäftswelt ist dieses Denken definitiv mittlerweile fest verankert. Früher hatte der stereotype Manager tiefe Augenringe, war blass, weil er sich keinen Urlaub gönnt, und nur deshalb nicht im Burnout, weil er von tiefer Stärke und unmenschlicher Zähigkeit war. Ein Menschenschinder, aber auch ein Sichselberschinder. Heute ist der manifestierte Erfolg sonnengebräunt, vital, agil, stark. Sonnenbank und gebleichte Zähne waren früher undenkbar. Heute sind sie, dezent, unausgesprochene probate Mittel des Aktivitätsfakes.

Boltanski beschreibt, wer in der Projektwelt Groß und wer Klein ist. Der Große ist anpassbar, flexibel, aktiv, autonom, risikofreudig, dabei aber nicht offen opportunistisch, sondern gut fürs Netz: für die projektbasierte Polis. Wer Groß ist, inspiriert, treibt an, ohne autoritär zu sein, er ist tolerant und kann zuhören. Er ist innovativ und intuitiv. Das stimmt. Das klingt gut.

Damit geht einher, dass vom Ausschluss aus dem Netz und damit von sozialer Exekution bedroht ist (ich erinnere an Three Strikes), wer Klein ist. Böse Makel: gehemmt in der Kommunikation, verschlossen, intolerant, autoritär, konservativ, unflexibel, gebunden an Personen oder Dinge. Jap, ihr seid am Arsch.

Boltanski entfernt sich jetzt von der langweiligen Businesswelt hin zum privaten Raum (wobei man fragen könnte, ob nicht auch diese Trennung im Netz passé ist). Er thematisiert Freiheit vs. Sicherheit, Angst vor Einsamkeit und vor Bindung, das Projekt Kinder (mit Geburt oder Abbruch als Projektende) usw. Er beschreibt, und das ist genau, was ich meine, dass nicht nur unsere Aufgaben Projektcharakter haben, sondern dass sich Gesellschaft, Netz, Werte, Alltag, usw., zunehmend an der Idee des Projekts orientieren. Die Ausweitung des Projektparadigmas vom Kapitalismus auf Soziale Bindungen, besonders auf Familie, Sex und Gefühle.

Man könnte hier aber noch weiter denken, find ich. Müssen wir aber nicht, haben ja erst mal kein Projektziel.

Ich mag Boltanskis Schluss, in dem er die gesellschaftspolitischen Positionen der Linken und der Rechten in die Facetten der Projektwelt einordnet. Im Artikel hat er die Auswirkungen der Projektorientierung einerseits auf das Ökonomische, andererseits auf das Bio- (also Lebenswelt-)politische beschrieben.

„Diese Situation führt uns in folgende Paradoxie: Wechselt man von der ökonomischen auf die biopolitische Achse, so kehren sich die Unterscheidungsmerkmale zwischen rechts und links einfach um.“

Ganz simpel: Der Projektcharakter der Ökonomie wird von der Linken kritisiert, denn das Soziale soll Vorrang vor dem Individuellen haben. Der Projektcharakter des Biopolitischen wird von der Linken dagegen gefeiert, ihre Positionen sind hier äußerst liberal. Die Rechte positioniert sich genau umgekehrt, im Biopolitischen betont sie eher das Wohl der Gemeinschaft.

Die Linke ist biopolitisch progressiv, projektparadigmisiert. Die Rechte ist biopolitisch konservativ, projektparadigmaverteufelnd.

(Boltanskis Schluss dreht sich natürlich um die Frage, ob eine konsequente und erfolgreiche moderne Kapitalismuskritik nicht das Projekt als Ganzes ablehnen muss. Das könnt ihr aber selber nachlesen.)

So. So weit meine Gedankenschnipsel. Ich hab vorgewarnt, dass sie kein Ziel verfolgen. Wenn ich demnächst noch mal Lust habe, werde ich das aber noch mal ordentlich aufdröseln. Im Moment bin ich zu müde und zu weinselig.

Hab ich eigentlich schon mal erwähnt, dass ich Fußnoten als Leser überhaupt nicht ausstehen kann?

[1] Der Rechner kennt Dauerbindungsunwilligkeit…? Aber nicht kaugummizäh. Was sind das denn für Prioritäten? [2] Höhö. Kaum arbeite ich nicht mehr an der Uni, ist es mir piepsegal, dass es kein zentraler gibt. Dauert nicht mehr lang, bis es mein dringendster Wunsch wird, stets auf dem aktuellsten Stand zu sein. [3] Von den Projektjunkies, denen ich so begegnet bin, würde ich übrigens überdurchschnittlich wenige nur als profillos beschreiben. Die meisten sind Charaktere. Manche sind kauzig, andere kantig, manche unangenehm oder faszinierend, die wenigsten sind blass. Selbst Mr.ProjektDepp hatte Charakter. [4] Nein. Den Blick fürs Ganze haben wir. Wir reden ja hier nicht einfach nur von Stress, wir reden von Projekten. Aber unser Ganzes ist klein geworden. [5] Das Wichtigste überhaupt. Sowieso, immer.

4 Antworten zu “Projekte.”

  1. gaerfield sagte

    Oh Gott, jetzt folgt erstmal das Projekt Kaffee.

  2. Tux sagte

    Sehr interessante Gedankensammlung – das Problem PrivatlebensProjekt kenne ich und waelze ich auch noch; der Artikel koennte mal wieder ein Anlass sein, darueber zu schreiben.

  3. doopdoop sagte

    Danke für den Anstoss !
    Für den Businessbereich trifft es sicher zu – was dem einen die SAP-Beratung ist, ist dem anderen der Zeitarbeitsvertrag für eine feste Stelle. Wir verkaufen nicht mehr nur unsere Hand und unseren Kopf, sondern auch unsere Verbindungen. Die Utopie ist, das es immer weitergeht. Nicht mehr der repetitive Takt der Maschinen, sondern eine fließende Komposition von Improvisationen, mit Mißklängen und der Möglichkeit zu scheitern.
    Die Übertragung in den politischen Raum finde ich nicht so überzeugend oder nicht so einfach. Welche übergreifenden “Projekte” gibt es denn noch, rechts oder links ? In einer fluiden Projektwelt müssten sich doch diese Grenzen auflösen in immer neue Interessengruppen, ohne langfristige Bindung.
    Noch ein unausgegorener Gedanke: Toqueville (“Über die Demokratie in Amerika”) sprach davon, das die Gleichheit Vorraussetzung für sowohl die Demokratie als auch die totale Tyrannei sei. Wie könnte die Gegenbewegung zu einer vernetzten Welt aussehen ?

  4. LeSpocky sagte

    So, hab’s jetzt auch nochmal gelesen. Wenn Du das nächste Mal in Magdeburg bist, erzähl mir mal bei ‘nem Kaffee von Deinem Beziehungsutopia. Das würde mich interessieren. :-)

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